"Ich fahr nach La Gomera"
 
 
 
 

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben. Und will das vielleicht auch. Wenn einer keine Reise macht, kann er auch was erleben. Und zwar mit dem, der eine macht. Rezeption in einem Hotel in Playa de la Arena, Teneriffa. Gleich gegenüber, praktisch in Sichtweite, liegt die Insel La Gomera. Auch ein schönes Fleckchen Erde, und - durch die Nähe (Luftlinie nur 80 km) kann man La Gomera ganz einfach mit einem Tagesausflug besuchen! Wirklich simpel, gehen doch jeden Tag zwei verschiedene Fährlinien zwischen Los Cristianos auf Teneriffa und San Sebastian auf La Gomera hin und her...

Das wollte auch ein junger Mann tun. Für die nötige Information kam er natürlich an die Rezeption. Und da er Deutscher war, meine Kollege aber kein deutsch sprach, habe ich mich des jungen Mannes angenommen. Hier also ein kleiner Auszug unseres Dialoges:

Junger Mann: "Hallo, Sie sprechen also deutsch?"

Ich: "Ja. Wie kann ich denn helfen?"

Junger Mann: "Ich möchte gerne nach La Gomera fahren. Wie kann ich das denn von hier aus machen?"

Ich: "Kein Problem, es gibt da einen Ausflug, der geht zweimal die Woche, und im Preis ist alles drin, der Bustransfer zum Hafen nach Los Cristianos, die Fähre, die Inselrundfahrt auf La Gomera, das Mittagessen, und natürlich auch alle Rückfahrten."

 

Junger Mann: "Ach, das ist mit dem Bus....nein nein, ich habe mein Motorrad dabei und möchte gerne mit selbst hinfahren."

Ich: "Das ist auch kein Problem, da fahren Sie dann mit dem Motorrad bis Los Cristianos und können von da aus direkt auf die Fähre gehen und dann...."

Hier unterbrach mich der junge Mann.

Junger Mann: "Das haben Sie jetzt falsch verstanden. Ich will nicht mit der Fähre fahren. Ich will mit dem Motorrad fahren."

Ich (etwas irritiert): "Ich hab das schon richtig verstanden. Das geht ja auch, Sie können ja mit dem Motorrad auf die Fähre...."

Wieder wurde ich unterbrochen.

Junger Mann: "Nein, nicht mit der Fähre. Ich will mit dem Motorrad direkt hinfahren."

Ich (schweige einen Moment, weil mir nicht gleich was dazu einfällt)

Junger Mann: "Sie sprechen doch deutsch, oder?"

Ich (frage mich insgeheim, was er glaubt in welcher Sprache wir uns bisher unterhalten haben): "Ich habe Sie schon verstanden, aber Sie können nicht mit dem Motorrad direkt hinfahren. Das geht nur mit der Fähre."

Junger Mann: "Ach, dann ist das verboten?"

Ich (weiss nicht, ob mein Gegenüber mich nicht grad einfach nur voll verarscht und bin daher ein wenig verärgert): "Nein, verboten ist es nicht, aber es ist schlicht und einfach unmöglich mit dem Motorrad zu fahren. Es geht nur mit der Fähre. Auf La Gomera können Sie dann natürlich wieder das Motorrad nehmen."

Junger Mann: "Ich versteh das nicht, warum kann ich denn nicht mit dem Motorrad hinfahren?"

Ich (zweifelnd, noch nicht ganz klar ob an seiner oder meiner geistigen Gesundheit): "Weil es eine Insel ist?"

 

Junger Mann: "Und was hat das damit zu tun?"

Ich (jetzt dann doch heftig irritiert und überzeugt es mit einem kompletten Volltrottel zu tun zu haben): "Naja, Inseln...Inseln eben. Hier eine Insel (ich lege ein Blatt Papier auf den Rezeptionstresen), da eine Insel (ich lege ein weiteres Blatt Papier auf den Tresen), und dazwischen ist Wasser (ich fahre mit meiner Hand zwischen den Blättern hin und her). Viel Wasser. Der Atlantik, in diesem Fall. Deshalb geht es nur mit der Fähre. So von einer Insel zur anderen."

Junger Mann (schweigt und denkt sichtbar nach)

Ich: "Haben Sie das verstanden?"

Junger Mann (zögernd): "Und es gibt da also keine Brücke?

Ich: "Nein. Keine Brücke. (und schnell, bevor er nachfragt) Und auch keinen Tunnel."

Junger Mann(noch zögernder): "Jaaa...und wie geht das dann?"

Ich (ganz langsam, betont, mit Pausen zwischen den Sätzen): "Sie fahren erst vom Hotel zum Hafen von Los Cristianos. Ok? (der junge Mann nickt) Dort kaufen Sie ein Ticket für die Fähre nach La Gomera. Verstanden? (der junge Mann nickt) Das Ticket sollte für eine Person und ein Fahrzeug sein. Ok? (der junge Mann nickt) In diesem Fall für ein Motorrad. Ja? (der junge Mann nickt) Und es sollte ein Ticket für den Hinweg UND den Rückweg sein."

Junger Mann: "Und die Fähren.... (er zögert...)...wann fahren die?"

Ich (erleichtert, da es anscheindend endlich geschnackelt hat, zeige ihm unsere Info-Mappe): "Schauen Sie, hier haben sie die Hin- und Rückfahrtszeiten für beide Fährlinien zwischen hier und La Gomera. Hier sind die Abfahrtszeiten von Los Cristianos, und das sind die Abfahrtszeiten von San Sebastian. Da können Sie sich die raussuchen, die Ihnen am besten passen"

Und damit überliess ich den jungen Mann dem Studium der Fährzeiten, was dieser auch ausgiebig und intensiv tat. In der Zwischenzeit ging ich wieder meiner Arbeit nach, das heisst, ich ging zurück in mein Büro...nach einiger Zeit rief mich mein Kollege erneut zu Hilfe, ein paar Anreisen waren angekommen, und ich half ihm beim Check-In. Dabei bemerkte ich, dass der junge Mann immer noch dastand, vollkommen ins Studium der Fährzeiten vertieft. Ein kurzer Blick zu meinem Kollegen (stand der die ganze Zeit da?) und sein Grinsen zurück (Ja...) liess mich seufzend auf den jungen Mann zugehen.

Ich: "Haben Sie noch irgendwelche Fragen?"

Junger Mann (schaut strahlend auf): "Nein, ich hab mich gerade entschieden - ich nehme morgen die Fähre um 7.30 Uhr von San Sebastian!"

Ich (mein unverbindliches Lächeln gefriert etwas): "Ähhh...das geht aber nicht."

Junger Mann(vollkommen verblüfft): "Warum? Fährt die morgen nicht?"

Ich (langsam entnervt): "Sie müssen die Fähre von Los Cristianos aus nehmen."

Junger Mann: "Warum denn? Die Zeit von San Sebastian passt mir aber viel besser."

Ich: "Sie KÖNNEN nicht von San Sebastian aus fahren. Das ist für den RÜCKWEG. Für den HINWEG MÜSSEN Sie von Los Cristianos aus fahren."

Junger Mann (enttäuscht): "Sind das die Vorschriften von der Fähre? Das ist aber doof...Meinen Sie, wenn ich mit denen rede, dass die mich von San Sebastian aus fahren lassen?"

Ich (im Kleinkinder-Erklär-Stakkato-Stil, jede Silbe einzeln betonend): "Das hat nichts mit den Fährbetreibern zu tun. Sie müssen von Los Cristianos aus fahren, weil Sie sich auf Teneriffa befinden und Los Cristianos sich ebenfalls auf Teneriffa befindet. Sie können nicht von San Sebastian aus fahren, weil San Sebastian sich auf La Gomera befindet."

Junger Mann (nachdenklich): "Und da kann man nichts machen?"

Ich (so langsam mit meinen Nerven und meiner Geduld am Ende): " ES     GEHT    NICHT.    Sie sind auf Teneriffa. San Sebastian ist auf La Gomera. Um eine Fähre von San Sebastian zu nehmen, müssten sie auf La Gomera sein. Sie müssen also erst die Fähre von Los Cristianos nehmen, um dorthin zu gelangen. Klar?"

Junger Mann (zweifelnd): "Also liegt es daran, dass ich auf der falschen Insel bin?"

Ich (erleichtert): "Genau!"

Junger Mann: "Ach so. Das muss man einem aber auch mal sagen. Dann fahre ich morgen mit der Fähre von Los Cristianos".

Ich (will nur noch dass der Typ verschwindet): "Na, dann wünsch ich viel Spass morgen!"(im Geheimen tut mir jeder leid, den dieser Kerl morgen trifft un der genug deutsch versteht)

Dann konnte ich endlich wieder weiterarbeiten. Mein Kollege hat zwar nicht mal die Hälfte von dem verstanden, was geredet wurde, konnte aber anhand meiner Gestik und Mimik wohl erkennen, um was es im Groben ging. Nachdem ich ihm eine Kurzfassung gegeben hatte, schüttete er sich aus vor Lachen und meinte zu mir, dass man so ja auch seine Arbeitszeit rumbringen könne...(ich habe eine geschlagene Stunde mit diesem jungen Mann verbracht....)

Am nächste Morgen jedenfalls kam mein Kollege mit dem allerbreitesten Grinsen hinter ins Büro und meinte, mein Freund von gestern sei wieder da und wolle mit mir sprechen. Meine gute Laune wurde schlagartig geringer. Trotzdem ging ich raus...

Ich: "Guten Morgen."

Junger Mann: "Guten Morgen. Ich hab gestern lange über das nachgedacht, was Sie mir erklärt haben."

Ich (lächle, nicke, und denke im Stillen, Oh ja, ich auch...)

 

Junger Mann(strahlend): "Ich habe einen Entschluss gefasst. Ich nehm nicht die Fähre. Ich fahr lieber mit dem Motorrad."

Sprach´s, lächelte, und drehte sich um und ging raus, seinen Motorradhelm in der Hand drehend.

Ich (sprachlos, erst als der junge Mann verschwunden war, brachte ich wieder einen Ton heraus): "Na denn viel Glück."

Das einzige, was mich bis heute stutzig macht: Wie zum Henker kam der Typ mit seinem Motorrad überhaupt nach Teneriffa? Und wo ist er hingegangen, gesehen hab ich ihn nämlich nicht mehr (wobei das auch daran liegen könnte, dass ich dann zwei Tage frei hatte und er abgereist ist - ob nun mit oder ohne Motorrad, mit oder ohne Fähre....irgendwo wird er schon angekommen sein.)

 

 

 

 



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